"Das Schlimmste wäre, von der Bühne zu fallen" - Faderhead im Gruftboten-Interview

Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus
Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus

Die Festival Saison 2017 startet diese Woche mit den E-tropolis-Festival in Oberhausen. Die Gruftboten haben passend dazu mit Sami alias Faderhead gesprochen, der am Samstag dort auftreten wird.

 

 

Erfahrt in unserem ausführlichen Interview, ob man von der Bühne fallen und trotzdem weiter spielen kann, wie schwer es ist, eine gute Tour auf die Beine zu stellen, und warum die Sonnenbrille nach so vielen Jahren nun plötzlich eingemottet werden soll.

 

Los geht's:



 

Gruftbote: Das E-tropolis Festival steht vor der Tür, wie bereitest Du dich vor?

 

Sami: Ich bereite mich mit meinen Jungs nur in dem Sinne vor, dass wir durchsprechen, was anders sein wird als in Leipzig (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist das E-only-Festival in Leipzig). Dort liefen ein paar Dinge nicht so perfekt, was hauptsächlich an den technischen Begebenheiten lag. Wir haben dort zum ersten Mal auf der Bühne Live-Drumming gemacht. Das gehen wir nochmal durch.

 

Ich werde die Songs generell in Vorfeld noch ein paar Mal durchsingen. Ich habe diese Kurzzeitgedächnisschwäche (lacht), und je häufiger ich irgendwas mache, desto besser wird das Ganze dann. "Know Your Darkness" ist meine neue Single, die wir bislang nur einmal live gespielt haben, im Gegensatz zu anderen Songs. Ich übe dann beim Autofahren ein bisschen die Vocals. So ungefähr fünfmal die Woche mache ich meinen Gesangskram, also Warm-Ups und so. Aber das ist unabhängig vom E-tropolis.

 

 

Gruftbote: Wird das ein Auftritt mit oder ohne Sonnenbrille?

 

Sami: Ohne Sonnenbrille. Es gibt gar keine Auftritte mit Sonnenbrille mehr. Ich habe das zehn Jahre gemacht, und es war auch cool. Aber ich hatte an einem bestimmten Punkt keine Lust mehr darauf. Ähnlich wie ich auch keine Lust mehr hatte, 90 Minuten lang nur Geschrei zu spielen. Irgendwann werde ich, ähnlich wie jetzt Combichrist und Suicide Commando, Oldschool-Sets spielen, wo dann nur Songs aus bestimmten Jahren vorkommen. Aber dafür gibt es Faderhead noch nicht lange genug. Für so ein Set gibt es dann sicherlich auch wieder eine Sonnenbrille.

 

Mich daran zu gewöhnen, ohne Sonnenbrille aufzutreten, hat so lange gedauert, wie die Covenant-Tour gedauert hat. Aber es ist auch viel cooler zu sehen, dass die Leute auch weiter als nur bis zur dritten Reihe stehen.

 

Gruftbote: Kannst Du von der Bühne aus überhaupt etwas sehen, mit den ganzen Lichtern und so?

 

Sami: Ja, das kann man ganz gut sehen. Wenn ich eine Sonnenbrille trage, dann kann ich es nicht viel sehen, nur sie ersten drei, vier Reihen. Aber ohne geht das schon ganz gut. Natürlich sehe ich nicht die letzte Person ganz hinten. Es kommt ja auch Licht von der Bühne, und je mehr Licht, desto weiter kann ich in das Publikum sehen. Mir gefällt das so besser, auch ist die Kommunikation mit den Publikum viel besser. Die Leute bekommen so auch mit, wenn ich Sie anschaue. Mit Sonnenbrille merken die Leute einfach nicht, selbst wenn ich sie ganz direkt anschaue.

 

Also, die nächsten Jahre werden die Auftritte definitiv ohne Sonnenbrille sein.

 

 

Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Batty Blue
Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Batty Blue

Gruftbote: Was ist das besondere am E-tropolis-Festival?

 

Sami: Es ist als Band, eins der angenehmeren Festivals. Es gibt Festivals, die werden von Leuten organisiert, die wissen was sie tun. Dann gibt es Festivals, die von Leuten organisiert werden, die genau wissen was sie tun, aber wahnsinnig Geld sparen wollen. Dann hat man dort Leute, die nicht professionell arbeiten oder einfach die Hälfte der Zeit überhaupt nicht da sind, da sie vielleicht nur 8,50€ die Stunde bekommen. Und dann hat man auch Festivals, wo die Leute nicht wissen, was sie tun. Schade ist, dass die Leute dieser dritten Kategorie manchmal sogar sehr enthusiastisch sind und das aus Liebe zur Musik machen. Aber das hilft dir als Band nicht, wenn alles andere schief läuft.

 

Beim E-tropolis läuft alles wie es sein soll, es ist alles da , was vorher auch verabredet war. Das Einzige was dort schwierig ist, ist, dass die Halle von Sound her nicht so gut klingt. Aber das kann man nicht ändern. Ich spiele lieber auf einen Festival wie dem E-tropolis, wo ich weiß, es läuft alles, es ist alles smooth, die Leute werden gut drauf sein und es wird voll, als auf einen Festival, wo der Sound besser ist, aber dafür der Rest furchtbar.

 

 

Gruftbote: Hast Du bestimmte Rituale vor einem Auftritt?

 

Sami: Ich mache ein Gesangs-Warm-Up. Das mache ich auch schon seit 20 Jahren....(lacht), nein stimmt nicht, so lange gibt es Faderhead noch gar nicht. Früher haben wir auch noch ein ganz extremes sportliches Warm-Up gemacht. Bei der Covenant-Tour haben wir das sein lassen, denn danach wären wir sonst so gehyped gewesen, dass wir gar nicht unsere Songs hätten spielen können. Mittlerweile machen wir Stretchübungen. Meiner Meinung nach ist das eine der wichtigsten Übungen - nach dem Gesangs-Warm-Up - speziell für eine Band mit etwas härteren Songs, um die Energie richtig rüber zu bringen zu können. Man kann das einfach nicht, wenn man so chillig aus dem Backstage-Bereich kommt.

 

 

Gruftbote: Was wäre denn das Schlimmste, was auf der Bühne passieren kann oder könnte?

 

Sami: Entweder, dass ich von der Bühne falle oder dass irgendwas auf mich drauf fällt und ich das Konzert nicht weiter spielen kann. Fast jeder Sänger, der seit mehr als zehn Jahren und um die 20 Konzerte pro Jahr spielt, ist irgendwann mal von der Bühne gefallen.

 

Gruftbote: Du auch?

 

Sami: Ja, in Phoenix/Arizona. Da war seitlich nicht das Ende der Bühne markiert, und zwischen dem Ende der Bühne und den Lautsprechern war gut ein halber Meter Platz. Da war dann kein weißer Strich, und mit Sonnenbrille hab ich auch überhaupt nichts gesehen, und bin daneben getreten und auf die Lautsprecher gefallen.

 

Es ist alles ganz schnell gegangen und war auch nicht so dramatisch. Mein damaliger Keyboarder hat das überhaupt nicht mitbekommen. Ich war auch innerhalb weniger Sekunden wieder auf der Bühne. Ein paar Tage später hatte ich noch Rippenbeschwerden, aber keine Prellungen oder so. Wenn man nach so einen Sturz das Konzert nicht mehr weiter spielen kann, wär das das Schlimmste.

 

Das Zweitschlimmste wäre, wenn einfach der Strom ausfällt.

 

 

Gruftbote: Was machst Du direkt nach dem Konzert, wenn Du von der Bühne gehst?

 

Sami: (lacht) Wir setzen uns sofort kurz hin und besprechen, wie das Konzert so war und was wir für ein Gefühl hatten. Da sitzen wir dann mit nacktem Oberkörper und Handtuch und reden darüber, was wie gelaufen ist.

 

 

Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus
Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus

Gruftbote: Deine neue Single "Know Your Darkness" ist vor Kurzem erschienen. Wann kommt denn ein neues Album?

 

Sami: Gute Frage, das könnte ich Dir eventuell nach dem E-tropolis besser sagen. Wir überlegen seit einiger Zeit, was es denn für eine Tour dazu geben soll.

 

Gruftbote: Das wäre die nächste Frage gewesen...

 

Sami: Angenommen, die Tour würde im November sein, dann käme das Album wahrscheinlich Anfang Oktober raus. Also vier, fünf Wochen vor der Tour, dann ist das frisch im Kopf der Leute. Vielleicht noch eine Single Anfang September.

 

Gruftbote: Es kommt also auf jeden Fall ein Album und auch eine Tour?

 

Sami: Sagen wir mal so: Ich gehe davon aus. Es ist in der Tat nicht so einfach, eine vernünftige Tour auf die Beine zu stellen.

 

Gruftbote: Warum?

 

Sami: Faderhead ist in so einem schwierigen Mittelfeld von Bands. Du hast in der Elekto-, EBM- und Gothicszene ein paar Bands, die im oberen Level spielen. Das sind zum Beispiel Project Pitchfork, VNV Nation, Covenant und And One natürlich. Unter diesem oberen Level gibt es ganz wenige Bands, die so 500 bis 600 Leute ziehen, wie zum Beispiel Hocico und Mesh. Im unteren Mittelfeld gibt es dann Aesthetic Perfection und Faderhead, die im schlechten Fall 50 und im guten 400 ziehen. Und die Bands aus diesen Level kann man nicht zusammenpacken. Eine Faderhead und Aesthetic Perfection-Tour rentiert sich oft nicht, da beide Bands zusammen genau so viele Leute anziehen, wie sie auch anziehen würden, wenn sie alleine touren. Und man hat aber die doppelten Kosten.

 

 

Gruftbote: Du warst bei Covenant in Vorprogramm. War das ok für dich?

 

Sami: Das war super. Aber das sind so Sachen, die selten passieren.

In dem Fall haben wir vorher überlegt, ob das Sinn macht, da es eigentlich für eine Band wie Covenant unüblich ist, eine Band aus dem unteren Mittelfeld mitzunehmen. Das kostet sie Geld, und sie wissen nicht, ob dann auch viel mehr Leute zu den Konzerten kommen. In diesen Fall hat sich die Kombination gelohnt, die Konzerte waren auch immer sehr, sehr gut besucht. Die meisten Bands machen das eben nicht. Wir haben nach der Tour mit Project Pitchfork geredet, und die meinten, man könne das ruhig machen, aber es kämen dann auch nicht mehr Leute zu den Konzerten als ohnehin. Alle Pitchfork Konzerte sind immer ausverkauft. Für die ist das halt völlig egal, und das ist auch total ok.

 

 

Gruftbote: Na ja, für die Imagepflege sind Vorbands ja nicht unwichtig. Ist ja auch immer ein Statement, welche Band als Vorband ausgewählt wird. Wir waren schon auf sehr vielen Pitchfork Konzerten, und es waren leider sehr wenige Vorbands dabei, die richtig lohnend waren.

 

Sami: Aber bei den meisten Konzerten ist die Hütte trotzdem zu 80 Prozent voll. Es ist einfach nicht sinnvoll, eine Vorband zu nehmen, die Geld kostet und dabei auch nicht mehr Leute anzieht als die, die sowieso schon zu den Konzerten kommen.

 

Aus diesen Gründen ist es einfach schwierig, eine Tour wie die mit Covenant hinzubekommen. Das Covenant-Album ist erst sehr kurz vor der Tour erschienen, sodass es sinnvoll erschien, eine Vorband auszuwählen, die auch alleine schon zieht. Und das hat so auch super funktioniert.

 

Genau aus all diesen Gründen ist es sehr schwierig, eine Tour mit Faderhead und irgendeiner anderen Band zu planen. Und die anderen Bands gehen natürlich auch alle selbst noch auf Tour.

 

Da das Album, wie gesagt, erst kurz vor der Tour kommt, kann ich zum Zeitpunkt jetzt noch nichts Genaues sagen, da erst die Tour stehen muss.

 

 

Faderhead macht die Musik für die Modenschau auf dem M'era Luna-Festival 2015 / Foto: Dunkelklaus
Faderhead macht die Musik für die Modenschau auf dem M'era Luna-Festival 2015 / Foto: Dunkelklaus

Gruftbote: Du trittst dieses Jahr beim M'era Luna-Festival auf. Bis 2015 hast Du dort auch die Musik für die Modeschau gemacht, letztes Jahr dann nicht mehr. Können wir darauf hoffen, dass Du das jetzt wieder übernimmst?

 

Sami: Nein. Ich habe das fünf Jahre gemacht. Es hat auch immer Spaß gemacht, aber zum Schluss wurde das dann mehr Stress und Generve. Zwei Jahre lang habe ich auch etwas mitmoderiert, und zwar aus dem Grund, weil alle mit den vorherigen Moderatoren überhaupt nicht zufrieden waren. Nach fünf Jahren hab ich dann einfach gesagt: Das war es, ich muss das nicht nochmal machen. Wenn es irgendwann eine Konstellation gäbe, die für mich wieder interessant wäre, zum Beispiel eine halbstündige Show, die eine Story hat und wo ich machen kann, was ich will, dann wieder gerne.

 

 

Gruftbote: Gehst Du selbst zu Konzerten oder auf Parties?

 

Sami: Auf Konzerte gehe ich fast gar nicht, weil mir die meisten Band auch nicht gefallen. Das hat auch nichts damit zu tun, dass ich sage, die sind alle scheiße. Ein Zahnarzt besucht auch nicht in seiner Freizeit eine Messe für Zahnmedizin. Als Musiker ist ein Konzertbesuch auch irgendeine Art von Arbeit. Ich will mir auch nicht Konzerte ansehen, wo ich genau weiß, dass mir deren Musik überhaupt nicht zusagt und ich nur kritisieren werde, was alles scheiße ist. Das nimmt einem ziemlich schnell jeden Spaß an der Musik. Es sein denn, es sind die Lieblingsbands, aber die kommen meist nur alle fünf Jahre.

 

Gruftbote: Hast Du denn eine Band, zu der Du immer hingehst, wenn sie in der Nähe ist?

 

Sami: Auf jeden Fall P.O.S. und Stuck Mojo, auch wenn Stuck Mojo seit tausend Jahren keine gute Platte mehr gemacht haben...

 

 

Gruftbote: Solltest Du mal Lust haben Deine Frisur zu ändern, müsstest Du ja eigentlich auch Deinen Künstlernamen ändern. Wirst Du also die nächsten 50 Jahre Dein Iro tragen?

 

Sami: Warum müsste ich den Künstlernamen ändern?

 

Gruftbote: Meinst Du nicht, das der irgendwie mit Deiner Optik zusammenhängt, das man das nicht voneinander trennen kann?

 

Sami: Absolut nicht. Den Namen gibt es schon seit 1999 und die Frisur seit 2004.

 

Gruftbote: Du würdest also den Namen behalten, aber die Frisur ist optional?

 

Sami: Wir haben letztes Jahr im Frühjahr die "FH-X Tour" gespielt, und dann habe ich mir nach der letzten Show in Hamburg den Iro abrasiert. Der ist über die Zeit schief geworden. Das kommt halt vor, wenn der schief rasiert wird. Ich habe gedacht: jetzt besser einmal rasieren und neu wachsen lassen.

 

Gruftbote: Machst Du das selber mit dem Rasieren?

 

Sami: Nein, das mache ich nicht selber. Wenn man gar keine Frisur hat und einfach die Haare rasiert, ist das einfach. Auf Tour hat man immer seine Leute dabei, die das machen können. Aber weil halt immer verschiedene Leute das bei mir gemacht haben, ist der Iro mit der Zeit einfach schief geworden. Und dann hab ich den eben rasiert.

 

Unabhängig davon, dass das in den ersten zwei Wochen irgendwie scheiße aussah, käme ich zurzeit nie auf die Idee, eine normale Frisur haben zu wollen.

 

 

Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus
Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus

Gruftbote: Ist es wichtig, dass Du Deinen Fans eine bestimmte Optik lieferst?

 

Sami: Das Ding ist, dass ich in den letzten fünf Jahren viele alte Fans verloren habe. Und andererseits in den letzten eineinhalb Jahren andere dazu gekriegt habe. Aber ich glaube, ich habe mehr verloren als gewonnen, was sich hoffentlich in den nächsten Jahren ändert.

 

Gruftbote: Woran liegt das?

 

Sami: In den ersten fünf Jahren Faderhead waren die Fans sehr jung, so 16 bis 21 Jahre alt, und waren auch so richtig Goth-Elektro-Szene-Leute. Und wenn Du mit 16 irgendwas geil findest und machst das fünf Jahre lang, dann ziehst Du um, hörst mit der Schule auf, fängst einen Job an. Noch fünf Jahre weiter hast Du eine Frau oder Mann und ein Kind. Dann bist Du auf einmal gar nicht mehr in der Richtung aktiv, in der Du mit 16 oder so aktiv warst. Gleichzeitig kam auch nichts an jungen Leuten nach. Und jetzt ändert sich das ganz, ganz langsam wieder. Es gibt ja diesen Nu-Goth-Style, der vielen gefällt. Aber die hören kein Faderhead. Vielleicht in Deutschland ein wenig, aber auch nicht so viel.

 

Ich habe also einige von den Fans die verloren, die zu Beginn 16 waren und dann eine Banklehre oder Ähnliches gemacht haben und dann nie wieder in einem Club gewesen sind.

 

Gruftbote: Das ist ja traurig. Wir Gruftboten haben auch seriöse Jobs und gehen trotzdem in Clubs. Es gibt genug Leute, die noch deutlich älter sind als wir und trotzdem abends noch in die Clubs gehen. In der Gothic Szene kann man auch in Würde altern, in anderen Szenen ist das sicher viel schlimmer, da man dann zu den ganzen Ü-30- und Ü-Irgendwas-Parties gehen muss. In der Gothic Szene kann man sich unter das normale Partyvolk mischen. Aber Du hast recht, es gibt natürlich sehr viele Leute, die ab einem gewissen Alter zu Hause bleiben, sich um Kind und Hof kümmern und dann auch andere Hobbys haben...

 

Sami: Das mit "in Würde altern können" stimmt schon irgendwie. Vielleicht ist das das Besondere an der Gothic-Szene.

 

Gruftbote: Treu ist die Szene ja meistens auch. Meinst Du, dass Deine Fans zu Dir zurückkommen, wenn sie ihr spießiges Normalbürgertum irgendwann leid sind und ihre zweite Jugend entdecken?

 

Sami: Jein. Shaolyn hat mal den Begriff "Stay-at-home-goth" geprägt. Das sind zum Beispiel die 50% der Leute, die zu VNV Nation Konzerten gehen. Diese gehen einmal pro Jahr zu einem Konzert und bleiben vielleicht danach so ein bis zwei Stunden auf der Aftershow Party. Das sind die "Stay-at-home-goth", und davon gibt es richtig viele. Diese gehen auch alle zu den The Cure- und Depeche Mode-Konzerten. Das sind dann die drei Mal im Jahr, an denen man rausgeht. Um Deine Frage zu beantworten: Der Großteil der schwarzen Szene hat bei Faderhead nie mitbekommen, dass auf einem Album auch immer 50 Prozent Songs gibt, die ruhiger und ein bisschen gehaltvoller sind.

 

Gruftbote: Das heißt die kennen "Dirtygrrls"...

 

Sami: ... und "Tzdv". Und die werden mit 40 nicht mehr anfangen, Faderhead aufgrund der alten Tracks zu hören, denn die sagen dann, das ist der Typ mit "Dirtygrrls" und "Tzdv". Das ist auch absolut verständlich. Das war auch einer der Hauptgründe, warum ich gesagt habe, wir sollten mal zum Beispiel mit Covenant auf Tour gehen. Deren komplettes Publikum kannte wahrscheinlich "Dirtygrrls" und "Tzdv" und ansonsten nichts.

 

Und dementsprechend haben wir auch das komplette Set so gemacht, dass es sehr ruhig anfing und nach hinten hin ein bisschen kräftiger wurde. Es war ja sonst fast ein Balladen-Set. Aber es hat wunderbar funktioniert.

 

Selten habe ich mit so vielen Leuten gequatscht, die gesagt haben, sie hätten mich gar nicht auf den Zettel gehabt und dass sie es aber dann super fanden.

 

Ich habe also vielleicht Fans verloren, die damals 16 waren. Ich gewinne aber so langsam diejenigen, die 35 und älter sind.

 

Gruftbote: Ist doch gut, die haben dann Geld für Platten und T-Shirts und alles.

 

Sami: Das hast Du gesagt (lacht). Es macht mich aber auch traurig. Ich war letztens auf einem Joachim Witt-Konzert, ich weiß nicht genau, wie alt der jetzt ist, so Anfang-Mitte 60, und sein Publikum war jünger als er. Aber Du hattest manchmal das Gefühl, er sei der Lebendigste in der ganzen Hütte. Ich habe dann noch zu einem Kumpel gesagt, dass ich nicht wüsste, ob ich noch Musik machen will, wenn Das Publikum so verhalten da steht und nur auf meine 2-3 Hits wartet.

 

 

Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus
Faderhead in Hannover, 11. November 2016 / Foto: Dunkelklaus

Gruftbote: Wirst Du dann irgendwann in bestuhlten Sälen auftreten und da Dein Streicherkonzert machen?

 

Sami: Wenn es ein Streicherkonzert ist, dann ist das was anderes. Dann hätte ich Bock drauf. Ich weiß halt nicht, wie diese Faderhead-Kiste dann noch so geht. Aktuell mache ich noch so eine Deutsch-Rock-Sache, und das kann ich mir wieder relativ gut vorstellen. Dann kannst Du noch als 60-Jähriger auf der Bühne stehen und hast einen Haufen 30-Jähriger da, die Party machen.

 

Man kann das alles noch bis ins hohe Alter machen, wenn man Bock drauf hat.

 

 

Gruftbote: Schönes Schlusswort. Vielen Dank für das ausführliche Gespräch.